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Vergebung statt Rache
aus Offene Grenzen Magazin 6/03

Muslime, die sich zum Christentum bekehren, stehen oft auf verlorenem Posten. Sie müssen sich die Lehre von Grund auf in der Praxis aneignen. Farid (Name von der Redaktion geändert) erzählte uns, wie er lernte, was Vergebung bedeutet.

„Als ich Christ wurde, war ich mit drei Kollegen in der gleichen Abteilung einer Firma tätig. Weil wir zu unterschiedlichen Schichten arbeiteten, sahen wir uns so gut wie nie. Wir teilten uns ein Büro. Dort besaß jeder von uns einen Kasten, in dem er seine Werkzeuge und Kleider einschließen konnte. Es war am Ende jenes Monats, und ich hatte mein Gehalt bekommen. Um das Geld während der Arbeit nicht zu verlieren, schloss ich es im Kasten ein. Nach Schichtende ging ich nach Hause und vergaß, das Geld mitzunehmen. Am anderen Tag stellte ich fest, dass jemand meinen Kasten aufgebrochen und das Geld gestohlen hatte. Sofort meldete sich mein altes Ich: Ich wollte nur noch Rache! Anstatt an die Bibelzitate zu denken, in denen von Vergebung die Rede ist, fielen mir nur noch Stellen aus dem Koran ein, in denen zur Rache aufgefordert wird. Ich vermutete, dass einer meiner Kollegen der Täter war. Deshalb beschloss ich, ihre Schränke aufzubrechen, den Innhalt herauszunehmen und zu verbrennen. Ich ergriff einen Hammer und holte aus, um das Schloss zu zerschlagen. Plötzlich war mir, als ob eine unsichtbare Hand mein Handgelenk packte und mich zurückhielt. Vor Furcht zitternd, musste ich mich setzen. Was war mit mir los? Plötzlich hörte ich eine sanfte Stimme voller Anteilnahme und Liebe. Sie flüsterte: „Mein Lieber, nimm keine Rache um deinetwillen. Lass Satan nicht gewähren.” Ich entgegnete: „Aber Herr, mein Gehalt ist das einzige, was ich habe. Wer soll für meine Frau und mein Kind sorgen?” Der Herr antwortete: „Denk daran, was geschrieben steht: Vertraue auf Gott, und er wird für dich sorgen.” Darauf erwiderte ich: „Dann lösche bitte die Flammen des Zorns, die mich Verzehren. Sag mir, was ich tun soll.” Der Herr forderte mich auf, folgende Worte auf ein Stück Papier zu schreiben: „An den Bruder, der meinen Kasten geöffnet hat: Es tut mir Leid, dass ich nichts Kostbares besitze, das ich dir schenken könnte. Wenn du etwas Bestimmtes benötigst, lass es mich wissen, und Gott wird dafür sorgen. Ich werde das zerbrochene Schloss nicht reparieren. Es ist ein Beweis dafür, dass ich Ernst meine, was ich sage. Ich wünsche dir, dass der Frieden Gottes dein Leben erfülle und die Gnade des Herrn und Erlösers Jesus Christus dich umgibt.” Ich unterzeichnete mit: „Dein Bruder, der dich trotz allem , was geschehen ist, liebt.” Als ich den Brief in meinen Kasten gelegt hatte, erfüllte mich riesige Freude. Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und meiner Familie von diesem großen Sieg zu erzählen. Meine Frau stimmte dem, was ich getan hatte, voll und ganz zu. „Denk daran, was der Herr versprochen hat”, ermunterte sie mich. „Ich werde dich nie verlassen; ich werde dich nie vergessen.” Trotz der Erleichterung über die Worte meiner Frau stieg erneut Sorge in mir hoch. Womit sollte ich zu essen kaufen für mein kleines Kind? Womit die Miete bezahlen? Nachts brachte ich kein Auge zu. Nachdem ich mich stundenlang im Bett herumgewälzt hatte, stand ich auf und ging auf den Balkon. Dort betete ich lange und bat Gott, mir Frieden zu schenken. Als ich ins Haus gehen wollte, warf jemand einen Stein auf den Balkon. Daran befestigt war ein Brief eines Mitchristen, den ich aus Sicherheitsgründen seit Monaten nicht getroffen hatte. Der Brief enthielt einen Geldbetrag in der Höhe meines Gehalts. Ich war erschüttert: Wie treu sorgte der Herr für mich! Das war nicht die letzte Überraschung, die der Herr für mich bereithielt. Als ich tags darauf ins Büro kam, erwartete mich einer der drei Kollegen, ein frommer Muslim. Mit bebender Stimme sagte er: „Ich weis nicht, was ich sagen soll, aber ich bitte dich um Verzeihung. Ich war derjenige, der deinen Kasten aufgebrochen hatte. Gestern fand ich deine Nachricht und war zutiefst bewegt. Das gestohlene Geld habe ich für meine kranken Kinder ausgegeben. Ich werde es zurückzahlen, sobald ich kann.” Ich entgegnete: „Das Geld gehört dir. Ich brauche es nicht mehr. Gott hat mir alles vergütet.” Ich meinte es ernst, doch es war schwer, meinen Kollegen zu überzeugen. Schließlich nahm er das Geld an. „Beantworte mir eine Frage”, sagte er. „Wie hast du gelernt, dich so zu verhalten?” Natürlich wusste ich die Antwort auf diese Frage, doch ich hatte Angst, ihm den Grund für meinen Wandel zu nennen. Wie würde ein gläubiger Muslim reagieren, wenn ich ihm von meiner Bekehrung erzählte? Deshalb antwortete ich so allgemein wie möglich: „Das lernte ich von Gott und seinen Geboten”, sagte ich. Mein Kollege ließ nicht locker. „Wo hast du von diesen Geboten erfahren?”, fragte er. „Ich sage es dir ein anderes Mal”, antwortete ich, in der Hoffnung, er würde es vergessen. Mein Kollege aber war so beeindruckt von dem, was geschehen war, dass er mir immer wieder die gleiche Frage stellte. Schlussendlich entschloss ich mich, ihm ein Neues Testament zu schenken. Er kam aus dem Staunen nicht heraus. „Das ist eine Bibel! Oh Gott, vergib uns!”, rief er aus. Ich sagte: „Ja das ist ein neues Testament. Wenn du wirklich die Antwort auf deine Frage erfahren willst, musst du das lesen. Also nimm es, oder lass es bleiben.” Eine Weile lang sagte er kein Wort. Dann nahm er das Buch mit zitternden Händen. Einen Monat später kam mein Kollege zu mir und sagte: „Ich habe einen Abschnitt gelesen, in dem es heißt: Wer an Gott glaubt und getauft wird, wird Heil finden! Hier bin ich. Ich glaube.” Und ich dachte, es ist wahr, was Jesus sagte: „Die Menschen werden deinen guten Wandel sehen und deinen Vater im Himmel preisen.”